Página principal

Über das spannende Verhältnis zwischen Weltanschauung und


Descargar 181.36 Kb.
Página1/5
Fecha de conversión18.07.2016
Tamaño181.36 Kb.
  1   2   3   4   5
Über das spannende Verhältnis zwischen

Weltanschauung und Gehäuse bei Jaspers

Cristóbal Holzapfel

1
Wir stellen uns die Frage nach der Weltanschauung, wie wird sie von Jaspers aufgefasst. Da jede Weltanschauung eine Art Gehäuse bilden kann, wie Jaspers dies nennt, geht es darum dem Verhältnis zwischen Weltanschauung und Gehäuse nachzuforschen, ein Verhältnis nämlich das höchst spannend ist.

Woran liegt es, dass es zunächst ein Verhältnis zwischen Weltanschauung und Gehäuse gibt und dass es noch dazu spannend ist? Um dies zu beantworten, müssen wir davon ausgehen, dass eine Weltanschauung auf dem Grunde einer Beziehung zwischen Mensch und Welt entsteht. Sie spricht davon, wie wir mit der Welt umgehen, und das schliesst die Umwelt und unsere Umgebung ein. Ein Inca aus Südamerika aus der vor-kolumbianischen Zeit, ein Inder der die Eroberung Alexander des Grossen erlebte und ein Engländer aus dem XXI Jahrhunderts haben vollkommen verschiedene Weltanschauungen. Diese Tatsache ist eine Binsenwahrheit, aber woran liegt das?

Und weiter noch, inwiefern können solche Weltanschauungen sogennante Gehäuse bilden, mit denen sie gleichzeitug ein spannendes Verhältnis bilden? Indem wir uns in die Psychologie der Weltanschauungen, dieses Werk von Jaspers aus 1919, vertiefen, erkennen wir wo jede Weltanschauung ein Gehäuse miteinbezieht. Besonders ist dies so bei den Weltanschauungen die eine feste Subjekt-Objekt Spaltung voraussetzen, und zwar die rationaler und moralischer Art.

Ein Jahr vor dem Erscheinen der Psychologie der Weltanschauungen, also 1918, erschien der erste Band des Werks Der Untergang des Abendlandes von Oswald Spengler. Beeinflusst von der Vorstellung der Geschichte von Giambattista Vico und Jakob Burckhardt, wendet sich Spengler gegen eine lineare Auffassung der Geschichte, geteilt in Perioden, und entwirft, wie bekannt, eine Theorie von 8 Kulturen: die „Appolinische Antike“, Ägypten, Babylon, Indien, China, „Magisches Arabien“, Mexiko und „Faustisches Abendland“, die ihre Geburt, ihre Blüte und ihren Untergang haben, wobei die unsere faustisch abendländische Kultur am Ende des Ersten Weltkrieges sich schon seinem Ende neigt. Diese Kulturen, im Anschluss an Leibniz’ Monaden, sind „fensterlos“ und bilden eine Art Organismen, worin der Einfluss biologistischer Auffassungen von Goethe und besonders Nietzsche zu erkennen ist.

Bei Wilhelm Dilthey hängt die Weltanschauung mit seiner Theorie des Historismus zusammen. Es geht darum dass die Art und Weise wie Technik, Kunst, Religion, Wirtschaft, Arbeit, Wissenschaft, Politik, Moral bei jeder Epoche sich in einem Zusammenhang befinden, und zwar bestimmt von der allgemeinen Weltanschauung.

Hierbei soll auch auf die Aktualität unseres Themas hingewiesen werden. Die Krise in der sich unsere Welt, besonders seit dem 11. September, 2001, befindet, weist offensichtlich auf die Tragweite der verschiedenen Weltanschauungen die heutzutage miteinander kollidieren. Und wenn diese gewaltige Auseinandersetzung geschichtliche Hintergründe enthüllt, die seit mehr als einem Jahrtausend gewisse Hauptzüge der Weltgeschichte bestimmt haben, hat man heute den Eindruck als ob es zu einer letztendlichen Lösung kommen würde, wobei niemand mit Sicherheit behaupten kann, ob diese Lösung Zerstörung oder Ausweg sein wird.

Andererseits erleben wir heute durch die Globalisierung das, was Jaspers schon in Ursprung und Ziel der Geschichte, 1949, voraussagte, und zwar die „Totalplanung“ oder wie er da zugleich behauptet, dass Geschichte im Ganzen aus zwei Atmungen besteht. Bei der ersten gibt es in der Welt viele möglichen Geschichten, bei der zweiten nur eine. Wir befinden uns also in einer Zeit in der es nur die eine Geschichte gibt, nicht mehr eine Geschichte des Ostens oder Westens, eine europäische, eine amerikanische oder afrikanische Geschichte. Wir haben nicht mehr diese Alternativen, entweder wir fügen uns dieser einen Geschichte, als Einzelner, als Völker und als Länder, oder wir sind vom Aussterben bedroht.

Zur Zeit weist ebenso das Denken von Jean Baudrillard über die sogennante „Hölle des Gleichen“ auf diesen Trend hin. Wenn nicht nur Erzeugnisse wie Autos, Kühlschränke, Kleidung und Hochhäuser überall auf dem Erdball gleich aussehen, sondern auch Sitten, Stilelemente, mitmenschliche Beziehungen, treten wir unausweichlich in diese „Hölle des Gleichen“.

Soweit das Bestimmende und Schicksalhafte unserer Zeit die Globalisierung, die Totalplanung, die ausschlieslich-eine-Geschichte oder die „Hölle des Gleichen“ ist, so sind das Einzelne, die verschiedene Kulturen, Sprachen, Umgangsweisen in ihrem Wesen bedroht. Deshalb ist es auch für uns gegenwärtig so traurig zu beobachten, wie mit dem Untergang einer älteren Kultur (Eskimos, Gokis, mongolische Kulturen) ein besonderes und unwiederholbares Verhältniss zwischen Mensch und Welt, dieser Weltanschauung innewohnend, auch zugrunde gerichtet wird. Wie man innerhalb dieser Kultur ass, liebte, spielte, arbeitete, feierte, und sogar starb, werden wir niemals mehr erleben dürfen, ob wir nun die Möglichkeit hatten es einmal erlebt zu haben, oder nicht.

Es scheint mir eindeutig klar dass ein Stützpfeiler, der uns erlaubt unsere heutige Situation zu verstehen, auf der Frage nach der Weltanschauung fusst. Was ermöglicht sie? Was kann veranlassen, dass verschiedene Weltanschauungen entstehen und bestehen bleiben, oder, im Gegenteil, was kann diese Verschiedenheit bedrohen?

2
Nach Jaspers ist es so, dass die Weltanschauung, grob ausgedrückt, aus einer Einstellung von Seiten des Subjekts und eines Weltbildes, von Seiten des Objekts, besteht. Schon auf der ersten Seite der Psychologie der Weltanschauungen lesen wir Folgendes:

„Was ist eine Weltanschauung? Etwas Ganzes und etwas Universales. Wenn z. B. vom Wissen die Rede ist: nicht einzelnes Fachwissen, sondern das Wissen als eine Ganzheit, als Kosmos. Aber Weltanschauung ist nicht bloss ein Wissen, sondern sie offenbart sich in Wertungen, Lebensgestaltung, Schicksal, in der erlebten Rangordnung der Werte. Oder beides in anderer Ausdrucksweise: wennn wir von Weltanschauungen sprechen, so meinen wir Ideen, das Letzte und das Totale des Menschen, sowohl subjektiv als Erlebnis und Kraft und Gesinnung, wie objektiv als gegenständlich gestaltete Welt“.1

Jaspers versteht zugleich die Weltanschauung auf dem Grunde der Subjekt-Objekt Spaltung, wobei diese Spaltung nicht mehr in dem beschränkten Rahmen der Erkenntnistheorie aufgefasst wird. Es geht hier um Einstellungen und Weltbilder die sich dadurch beschreiben lassen, wie sie sich relativ zum Objekt oder Subjekt neigen, oder zu ihrer Überwindung.

Dieses ist schon ersichtlich bei der allgemeinen Klassifizierung der Einstellungen und Weltbilder. Fangen wir mit der Einstellung an. Sie kann zunächst „gegenständliche Einstellung“ sein, das heisst, der Schwerpunkt liegt hier im Objekt, ob sie eine „aktive“ oder „kontemplative Einstellung“ ist.

Bei der aktiven Einstellung empfinden wir das Objekt als einen Widerstand, der zu überwinden oder gar überwältigen ist, während die kontemplative Einstellung eher das Objekt sein lässt. Die kontemplative Einstellung ist einzuteilen in: „intuitive Einstellung“ die das Wesentliche des Objekts auf einem Blick vernimmt, die „ästhetische Einstellung“, die etwas Einzelnes als ein transfiguriertes Ganzes darstellt, und die „rationale Einstellung“, die vom Objekt manche Merkmale abstrahiert um gewisse Schlüsse zu erreichen.

Ausser der aktiven und der kontemplativen, gibt es noch die „mystische Einstellug“, bei der das Subjekt mit dem Objekt eins wird, im Sinne eines Hineinfliessens des Subjekts in das Objekt: die unio mysthica.

Gemäss dieser Interpretation ist es an sich einleuchtend, dass bei der aktiven Einstellung das Objekt den Vorrang hat, aber das Eigentümliche liegt darin, dass bei der kontemplativen und der mystischen Einstellung das Objekt auch vorrangig ist. Eigenartig ist es gleichzeitig, dass man einfach annimmt, dass die Mystik ein äusserster Modus der Kontemplation ist. Dieses stimmt auch. Doch mit Jaspers kann man sagen, dass anders als bei der kontemplativen Einstellung, der Vorrang vom Objekt, in diesem Falle des Göttlichen, so übermächtig ist, dass das Subjekt eine Rechtfertigung nur in seiner eigenen Aufhebung hat.

Es muss auch hervorgehoben werden, dass die Geschichte der Menschheit aus der Sicht einer Wandlung vom einer vita contemplativa zu einer vita activa zum Vorschein gebracht werden kann, und dass diese Wandlung sich in der Moderne, besonders im XIX Jahrhundert, durch die Industrielle Revolution vollzieht. In dieser Hinsicht ist es bemerkenswert, dass im Werk Die Bestimmung des Menschen von Fichte, gerade im Jahre 1800 veröffentlicht, sich das Verhältnis zwischen theoretischer und praktischer Vernunft verwandelt zugunsten der Letzteren. Dies bedeutet, gemäss Fichte, dass jede Vorstellung von der theoretischen Vernunft sich rechtfertigt, Sinn und Wahrheit enthält, soweit sie von der praktischen Vernunft verwirklicht werden kann, das heisst, dass sie sich in Handlung übersetzen lässt.

Bei der Analyse von Jaspers ist es gerade der aktiven Einstellung eigen, dass für sie Denken und Kontemplation nur Mittel zur Handlung sind. In diesem Zusammenhang zitiert er sowohl Goethe wie Marx:


„„Er ehrt die Wissenschaft, sofern sie nutzt,

Den Staat regieren, Völker kennen lehrt;

Er schätzt die Kunst, sofern sie ziert, sein Rom

Verherrlicht...

In seiner Nähe darf nichts müssig sein

Was gelten soll, muss wirken und muss dienen“


Drastisch formuliert den Gegensatz Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“ (PdW, S. 53).
Die aktive Einstellung zeichnet sich aus durch eine besondere Beziehung zum Objekt, gekennnzeichnet durch die Sachlichkeit und die Nüchternheit der Betrachtung. Für sie gilt das sprichwórtliche „jeder Tag hat seine Sorgen“ und vor allem dass das Gegenwärtige das Massgebliche ist, das gesehen wird als etwas Provisorisches und zwar in steter Bewegung. Ein anderes Merkmal dieser Einstellung ist, dass sie eine starke Selbstdisziplin einschliesst, was die Ordnung, der Organisation, die Zielgerichtetheit auf Erfolg betrifft, aber diese Selbstdiszilin setzt keine innere Selbstgestaltung voraus. Diese Merkmale bedingen eine gewisse Dissozierung, die an dem aktiven Menschen zutage treten kann, da es öfters vorkommt, dass er hinter dem nach aussen Sichtbaren ein verborgenes Leben führt.

Von bedeutsamer Tragweite für unsere Zeit und für uns ist, dass wir hauptsächlich so stark bestimmt sind von der vita activa, dass eine „Betriebsamkeit“ unsere Arbeitswelt charakterisiert. Wir leben seit einiger Zeit in einer arbeitenden Gesellschaft, aber gerade den Sinn dessen, was wir so tun, haben wir vergessen in einer zugleich bloss „formalen Aktivität“ ohne Inhalt, nach den Worten Jaspers’.

Bei der Vita activa von Hannah Arendt, die, wie bekannt, sowohl mit Karl Jaspers als auch mit seiner Frau Gertrud eng befreundet war, lässt sich der Einfluss Jaspers’ an diesem Punkt erkennen, und zwar in seiner Einteilung zwischen dem bloss physichen Arbeiten, dem Herstellen mit der Verwendung von Maschinen, und dem Handeln, das gerade innigst mit dem Sinn verbunden ist. Das spätere Denken von Jaspers’, besonders entwickelt in den Werken Philosophie und Von der Wahrheit, greift wieder diesen Punkt auf, nämlich dass unsere Arbeit ihren Sinn verlieren kann als blosse formale Tätigkeit und Betriebsamkeit, indem das „äusserliche Handeln“ nicht aus einem „inneren Handeln“ entspringt. Gerade was dieses anbetrifft: die Betriebsamkeit und ein übermässiges Arbeiten und Handeln kann so weit gehen , dass es ausser sich zu geraten scheint. Dies ist einer der sichtbarsten Zeichen unserer Zeit. Der Film von Chaplin „Moderne Zeiten“ bringt dies hervorragend zum Ausdruck.

Wir können bemerken: Jaspers geht es letztendlich um eine feste Verbundenheit und eine fruchtbare Synergie zwischen aktiver und kontemplativer Einstellung.

Hier ist noch hinzuzufügen, dass wahrscheinlich einer der interessantesten Züge der aktiven Einstellung ist, dass bei ihr das unvernünftige Faktum der Handlung auftritt, worin Goethes’ Satz zitiert wird: „Der Mensch handelt gewissenlos“. Es muss daran erninnert werden, dass dieser Satz nicht nur hier vorkommt, sondern an verschiedenen Punkten des Gesamtwerks Jaspers’ eine entscheidende Rolle spielt. Zum Beispiel in der Existenzerhellung (II. Teil seiner Philosophie) verweist dieser Satz auf Jaspers’ Auffassung der Schuld, bzw. des Schuldigseins. Das heisst, im Sinne unserer wesentlich eigenen Endlichkeit handeln wir unvermeidlich gewissenlos. Dies hat mit der Unmöglichkeit zu tun, sowohl all die Folgen unserer Entscheidungen und Handlungen wie auch all ihrer Motivationen zu erkennen. Insofern sind wir schuldig.

In dieser Beziehung können wir hinzufügen dass auch das argumentum ad ignorantiam hier im Spiel kommt, und zwar besonders wie er in dem Werk Traité de la argumentation von Perelman und Olbrechts-Tyteca augefasst wird.2 Über Verschiedenes entscheiden wir ohne das breite Spektrum der Möglichkeiten im Blick zu haben, teils aus Dringlichkeit, teils aus persönlichen Interessen, aber manchmal auch aus Unwissen.

3
Bei den „selbstreflektierten Einstellungen“ ist das Subjekt das Ausschlaggebende. Wiederum können diese Einstellungen kontemplativ und aktiv sein. Bei der „kontemplativen Selbstreflexion“ halten wir uns an verschiedene Schemata von uns selbst, die eher statisch sind. Jaspers:

„Wir sehen uns selbst, wir täuschen uns über uns selbst, und wir bewerten uns selbst. Das Selbst, das wir sehen, ist aber nicht als ein festes Sein da, vielmehr sehen wir einzelne erlebte Phänomene, einzelne Zusammenhänge und ordnen dies Einzelne mehr oder weniger bewusst in ein Schema des Selbst als eines Ganzen ein. Solcher Schemata des Selbst stehen uns viele zur Verfügung, wir verwechseln sie mit dem realen Selbst, das vollendet und ganz uns nie Gegenstand ist, da es beständig wird und problematisch bleibt“ (PdW, S. 90).

Während der „aktiven Selbstreflexion“ bleibt unser Selbst nicht gefangen in solchen Schemata, sondern ist stets in Veränderung. Jaspers:

„In der aktiven Selbstreflexion sieht der Mensch sich nicht nur zu, sondern will sich; er nimmt sich nicht einfach als gegebene Veranlagung, sondern hat Impulse, die mitwirken am Selbst, das er nie endgültig ist, sondern stets wird. Der Mensch ist sich nicht nur Material der Betrachtung, sondern er ist Material und Bildner zugleich. Das Sichselbsterkennen ist nicht nur die Feststellung eines Seins, sondern ein Prozess, in welchem die Selbsterkenntnis ein Medium des Selbstwerdens ist und unendliche Aufgabe bleibt“ (PdW, S. 92).

In Bezug auf die „geniessende Einstellung“ können wir auch davon ausgehen, dass hier das Gegenständliche der Massstab sein soll; wir geniessen letztendlich doch Dinge die uns gefallen. Aber Jaspers sieht dies anders herum:

„Genuss ist eine Einstellung nicht auf die Sache (diese sachliche Einstellung wäre lust- oder unlustvoll, während der Gegensatz zum Genuss die Askese ist), sondern auf das Erlebnis, auch das Erlebnis der Sache. Aller Genuss ist letzhin Selbstgenuss. Das Bewusstsein gibt sich an eine Sache hin, und der Genuss ist bei der Hingabe, nicht bei der Sache“ (PdW, S. 92-93).

Da Genuss eine Art „Selbstreflektierter Einstellung“ ist und deshalb hauptsächlich subjektiv, hat er eine mittelbare Beziehung zu den Dingen. Genuss ist stets Selbstgenuss. Jaspers macht darauf aufmerksam, dass Genuss sich dem Geniessen von Dingen passiv hingibt, ohne sie zu beurteilen oder Stellung zu beziehen. Er ist zugleich ein Oberbau über alles Unmittelbare der Welt:

„So baut sich der Genuss überall als ein Oberbau über der Unmittelbarkeit auf; über der berauschenden Lust, etwa an der Musik, der Genuss des Rausches, über der sachlichen Einsicht der Genuss an der sachlichen Einstellung, über der sinnlichen Lust der Genuss an der sinnlichen Lust, über dem Schmerz der Genuss am Schmerz. Alles Unmittelbare ist einfach, gleichsam naiv, aller Genuss raffiniert“ (PdW, S. 93).

Da eben der Genuss stets in sich selbst ist und nie bei der Sache, braucht er sie auch gar nicht zu besitzen. In der Welt kann alles genossen werden, wobei dies aussermoralisch zu betrachten ist. Wir wissen wohl dass es perverse Erscheinungen gibt, Pädophilie und dergleichen. Da der Genuss die Möglichkeit einschliesst, sich über alles zu erweitern, bereichert dieses den Menschen. Wir sind dann nicht gefesselt an der blossen Not und der Notdürfigkeit, als ob es nur ums Überleben ginge. In dieser Hinsicht befreit uns der Genuss. Man ziehe in Betracht, dass gerade weil der Genuss uns über die blosse Not hinweg hebt, er auch gesellschaftlich und politisch veranlagt ist.

Eugen Fink in seinem Werk Grundphänomene des menschlichen Daseins erkennt diesen Sachverhalt und verbindet es sogar mit der Arbeitsteilung, indem eine höhere Schicht geniesst, wohingegen die andere arbeiten muss. So war es im Altertum, bei den Griechen, den Römern und fast überall. Er fügt hinzu dass wir uns unsere heutige Situation so ausmalen, dass wir glauben, wir hätten so eine Struktur überwunden, doch wir irren uns. Zwar gibt es kein Sklaventum mehr, aber dass wir uns der Philosophie oder der Kunst widmen können, hängt davon ab, dass andere zum Beispiel sich um die Elektrizitätsversogung kümmern.3 Dieses hat gleichzeitig mit der früher angesprochenen Möglichkeit des Übergangs von der vita contemplativa zur vita activa zu tun.

In diesem Zusammenhang dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass, vor Fink, Jaspers den gleichen Gedankengang in Ursprung und Ziel der Geschichte ausführt.

Diesbezüglich ist auch zu bedenken dass die gesellschaftliche Situation in den letzten Jahrzehnten sich verändert hat, hauptsächlich in den sogenannten „entwickelten Länder“, da die heutige Massengeselschaft zum grossen Teil nicht nur eine Konsumgesellschaft, sondern auch eine Genussgesellschaft ist. Jaspers ist sich dessen auch bewusst und an manchen Stellen seines Werkes, wie besonders in Die geistige Situation der Zeit finden wir wiederum wichtige Gedankengänge aus dieser Perspektive entfaltet.

Die Neuzeit, wie Heidegger in dem Vortrag Was heisst Denken? behauptet, beginnt mit der Un-ruhe, also dem Verlust der Ruhe.4 Der Genuss ist in einer gewissen Übereinstimmung mit der gennanten Unruhe. Er treibt uns immer fort zu etwas anderem, das eben genossen, aber gleich hinterher vergessen wird, da es uns eben keinen weiteren Genuss verschafft

„Die Unmittelbarkeit bleibt bei der Sache, der Genuss sucht immer weiter nach Genussgegenständen, die als solche ihn nicht weiter anzugehen brauchen. Der Genuss erweitert die Einstellungen auf die Gesamtkeit von Welt und Erleben, und doch braucht er nichts von ihr zu besitzen. Er ist eben nie bei der Sache, sondern bloss beim Genuss. Alles ist Stoff des Genusses, der Geniessende nimmt alles, aber schafft nichts; er ist, wenn diese Einstellung verabsolutiert ist, seinem Wesen nach Amateur“ (PdW, S. 93).

Auch wenn wir besondere Gestalten vor Augen haben, wie den Gourmand oder den Ästheten, bei denen der Genuss sich so verfeinert hat, dass sie sich darin spezialisiert haben und der Genuss dadurch andauert, kann der Genuss alleine seine Objekte verlassen, da er mit ihnen keine andere liason hat als die des Geniessens.

Wie schon im voraus angedeutet, der Geniessende und der Asket treffen sich an einem Punkt, und das ist eben der Genuss: der Asket geniesst seine Abwendung, seine Enthaltsamkeit, seine Askesis, und deshalb geht es bei beiden wechselweise um Hinwendung oder Abwendung verschiedener Erlebnisse. Jaspers:

„Wie die geniessende Einstellung, so ist die ihr polar engegengesetzte asketische eine Einstellung auf sich selbst. Wendet der Genuss sich dem Erlebnis zu, so wendet sich die Askese sich ab. Sucht der Geniessender Erlebnisse, Situationen, sachlich Eindrücke und Tätigkeiten herbeizuführen, um sie zu geniessen, so sucht der Asket durch Vermeidung aller Erlebnisse die Eindrücke zu verringern, um die Abwendung zu erleichtern. So entsteht als einfachste Askese die äussere des sich Versagens: Man verzichtet auf Ehe, bürgerliche Stellung, Erfolg, auf den Genuss von Fleisch und Wein usw. Aber das Leben bringt faktisch doch immer Erlebnisse und Tätigkeiten mit sich. Ihnen gegenüber entwickelt sich die innere Askese: beim notwendigen Erleben und Tun doch nicht zu geniessen, nicht einmal Lust zu empfinden. Der Geniesser und der Asket sagen beide, dass sie nicht von den Dingen beherrscht , sondern selbst Herr sind, aber sie sagen es mit umgekehrten Akzent; der Geniesser ist aller Dinge ledig, weil er nicht sie selbst, sondern bloss die geniessende Einstellung, die immer ihr Objekt irgendwie finden mag, meint; der Asket ist Herr der Dinge, weil er imstande ist, sie ohne Lust und ohne Genuss geschehen zu lassen“ (PdW, S. 93-94).

4
Und was die Gehäuse angeht, dieses Thema wird besonders entwickelt in den Teilen die dem „Halt im Begrenzten: die Gehäuse“ und dem „Halt im Unendlichen“ gewidmet werden. Zunächst ist ersichtlich, dass nur der „Halt im Begrenzten“ ausdrücklich mit dem Gehäuse verbunden wird. Dieses erklärt sich weil eben der „Halt im Unendlichen“ mit einer möglichen Überwindung des Gehäuses zu tun hat. Es geht darum wie wir uns in der Existenz halten: entweder innerhalb von etwas Geschlossenem, bestimmt von Normen, Lehren, Prinzipien und überhaupt dem Rationellen, oder wir versuchen eher, uns im Offenen, aber zugleich Chaotischen zu halten. Eine Verbindung mit der Unterscheidung von Nietzsche zwischen appollinischem und dionysischem Geist ist hier wohl zu erkennen, bloss mit der Betonung auf dem möglichen Halt und wie er erlebt wird. Aber wichtiger ist noch in dieser Beziehung, dass für Jaspers es zuletzt darum geht – wie wir sehen werden – uns „auf dem schmalen Grat“ zwischen beiden Modalitäten des Haltes zu bewegen. Jaspers:

„Den Prozessen, die alles in Frage stellen, die alles als ein bloss Endliches überwinden lassen, widerstrebt ein Drang in uns zum Festen und zur Ruhe. Wir ertragen nicht den unendlichen Taumel aller Begriffe, die relativiert, aller Existenzformen, die fragwürdig werden. Es wird uns schwindlig, und es vergeht uns das Bewusstsein unserer Existenz. Es ist ein Trieb in uns, dass irgend etwas endgültig und fertig sein soll. Etwas soll „richtig“ sein, eine Lebensführung, ein Weltbild, eine Wertrangordnung. Der Mensch lehnt es ab, immer nur von Aufgaben und Fraglichkeiten zu leben. Er verlangt Rezepte für sein Handeln, endgültige Institutionen. Der Prozess soll irgendeinmal zur Vollendung kommen: das Sein, die Einheit, die Geschlossenheit und die Ruhe werden geliebt“ (PdW, S. 304).

Aber, wie auch immer der Halt im Begrenzten seine Rechtfertigung hat, damit wir nicht in die Irre laufen, ist das Bestimmende für Jaspers doch die Unendlichkeit. Dieses hat mit seinem metaphysischen Denken zu tun, bei dem das Sein als „transzendente Immanenz“ aufgefasst wird, wobei zugleich dadurch diese Dichotomie überwunden wird. Der erste Schritt in dieser Richtung verdeutlicht sich schon am Anfang seines Meisterwerks Philosophie, und zwar durch die „philosophische Grundoperation“, welche bedeutet, dass das Sein selbst nichts Bestimmtes ist (wobei dieses deutlich im Einklang mit der „ontologischen Differenz“ von Heidegger steht). Dieses Sein wird zugleich als „das Umgreifende“ aufgefasst. In diesem Sinne, indem wir vom Sein umgriffen werden, können wir es nicht in einen Be-griff bringen, es lässt sich nicht objektivieren oder vorstellen, es sei denn in einer „metaphysischen Vorstellung“, deren Besonderheit ist, dass wir sie nicht aufbewahren können. Sie ist wesentlich von flüchtiger Art. Insofern nur auf dem Weg des Halts im Unendlichen können wir dem Umgreifenden näher kommen, wie zugleich besonders durch eine „enthusiastische“ oder „mystische Einstellung“.

  1   2   3   4   5


La base de datos está protegida por derechos de autor ©espanito.com 2016
enviar mensaje